Zwei Professuren gingen von nahezu null Forschungsstunden auf acht bis zwölf.
Zwei sehr verschiedene Menschen mit demselben Kalenderproblem. Die Professur: neun SWS Lehrdeputat, vier bis fünfzehn Promovierende, Prüfungsausschuss, Berufungskommission und Fakultätsrat, sechs bis zehn unbezahlte Gutachten im Jahr, und zwei bis drei Anträge, weil der Lehrstuhl auf Drittmitteln läuft. Eingestellt für die Forschung, forscht sie sonntags, wenn überhaupt. Und die Promovierende: Jahr drei eines WissZeitVG-Vertrags, der in Jahr vier endet, 900 ungelesene PDFs, drei geschriebene Kapitel, die nicht mehr zusammenpassen, und eine Auswertung, die ihre eigenen Abbildungen nicht reproduzieren kann.
Für Professuren ist es der Antrag. Eine DFG-Sachbeihilfe braucht Stand der Forschung, Vorarbeiten, Arbeitsprogramm, Mittelbegründung, Lebenslauf, Publikationsliste in der DFG-eigenen Struktur, einen Datenmanagementplan, eine Ethikerklärung und Maßnahmen zur Chancengleichheit. Etwa sechzig Prozent dieses Textes existierte bereits, in drei früheren Anträgen, in leicht falschen Formaten — und wird trotzdem neu geschrieben, über fünf Wochen aus Abenden und Wochenenden, weil das Suchen der alten Fassung schwerer erscheint als das Neutippen. Für Promovierende sind es sechshundert zu sichtende Abstracts und später die schlimmere Frage: Welche Skriptversion hat auf welchem Datenstand Abbildung 3 erzeugt?
- Literatur sichten: alles Neue in einem definierten Feld holen und nach Relevanz zu einer Frage sortieren
- Eine Literaturdatenbank entdoppeln, Metadaten reparieren, jede Quelle über die DOI auflösen
- Eine Publikationsliste in DFG-, ERC-, NSF-, Europass- oder Hausstruktur umformatieren
- Den wiederverwendbaren Antragskern pflegen und ihn in Struktur und Seitengrenzen einer Ausschreibung formen
- Ausschreibungen, Zwischen- und Abschlussberichte, Gutachtenzusagen und Prüfungstermine verfolgen
- Das Betreuungsprotokoll je Promovierender führen
- Bewerbungen in einem Berufungsverfahren gegen die veröffentlichten formalen Kriterien auf Vollständigkeit prüfen
- Das Reproduzierbarkeits-Rückgrat halten: welche Daten, welche Skriptversion, welche Abbildung
- Die Forschungsfrage. Die Hypothese. Die Interpretation
- Ob ein Ergebnis etwas bedeutet
- Die Beurteilung eines Menschen — im Gutachten, in der Verteidigung, im Berufungsverfahren
- Was begutachtet wird und was ein Gutachten schlussfolgert
- Der Antragskern
- Ein gepflegter Speicher: der Lebenslauf in jedem je verlangten Format, die Publikationsliste, die Gruppenbeschreibung, Infrastruktur, die Vorarbeiten-Absätze je Forschungslinie mit ihren Abbildungen und Quellen, Ergebnisse früherer Projekte, die Vorlage für den Datenmanagementplan, die Chancengleichheitsmaßnahmen. Jeder Eintrag datiert und mit Quelle. Etwa zwei Wochen Aufbau, überwiegend Extraktion aus drei alten Anträgen — und das letzte Mal, dass diese Absätze aus dem Nichts geschrieben werden.
- Der Ausschreibungsformer
- Struktur, Überschriften und Seitengrenzen einer Ausschreibung gehen hinein. Heraus kommt ein Gerüst, in dem das Kernmaterial bereits in etwa der richtigen Länge an der richtigen Stelle steht und jeder Abschnitt, der eigenes Denken braucht, leer und beschriftet ist. Aus fünf Wochen werden etwa zehn Tage, und fast alle zehn gehen ins Arbeitsprogramm — den Teil, der gefördert wird.
- Das Betreuungsprotokoll
- Eine private Datei je Promovierender: was vereinbart wurde, was geschah, Meilensteine gegen die Betreuungsvereinbarung, genannte Hindernisse. Neunzig Sekunden Diktat nach jedem Gespräch. Das würde ich zuerst einrichten, wenn ich nur eines einrichten dürfte — weil Gespräche derzeit damit beginnen, dass beide sich zu erinnern versuchen, weil Gutachten zwei Jahre später aus dem Nichts entstehen, und weil das Protokoll vier Monate früher zeigt, dass jemand still in Schwierigkeiten steckt.
- Die Sichtungsstrecke
- Für Promovierende: sechshundert Abstracts gegen zuvor aufgeschriebene Ein- und Ausschlusskriterien. Jede Entscheidung mit dem Kriterium protokolliert, das sie erzeugt hat, jeder Grenzfall für den Menschen markiert. Für systematische Reviews bildet das PRISMA ab und liefert die Flussdiagrammzahlen nebenbei.
- Das Reproduzierbarkeits-Rückgrat
- Datenstand, Skriptversion, Umgebung, Ausgabe. Jede Abbildung trägt den Befehl, der sie erzeugt hat. In Jahr eins an einem Nachmittag eingerichtet und in Jahr vier einen Monat wert.
Es erzeugt nie eine Quellenangabe und fasst nie eine Arbeit zusammen, die Sie zitieren werden.
Quellen kommen aus der Literaturverwaltung und werden über die DOI aufgelöst. Nichts, was Prosa erzeugt, darf eine Quellenangabe erzeugen — nie, in keiner Rahmung. Erfundene Quellen sind das häufigste und zerstörerischste Versagen von Sprachmodellen in der Forschung, und sie sind für eine müde Autorin um 23 Uhr nicht erkennbar, weil sie exakt richtig aussehen. Tausend Abstracts zu sichten, um vierzig Arbeiten zu finden, ist Mechanik; diese vierzig zu lesen ist der Beruf — die Sichtung liefert deshalb Titel, Abstracts und Links, nie eine als ausreichend präsentierte Zusammenfassung.
Kein Manuskript im Begutachtungsverfahren berührt einen externen Dienst: Peer Review ist vertraulich, und ein Manuskript ist unveröffentlichte Arbeit, die jemand anderem gehört. Es schreibt nie das Argument, die Hypothese oder die Interpretation. Es reiht nie Bewerbungen in einem Berufungsverfahren — ein solches Verfahren ist gerichtlich überprüfbar, dokumentationspflichtig und unterliegt dem AGG; ich habe das zweimal abgelehnt. Und keine Daten werden erfunden, keine Abbildung erzeugt, keine Bereinigung geschieht still: Roh bleibt roh. Jedes Mandat endet mit einer einseitigen Übersicht, die festhält, welche Aufgaben eine Maschine nutzten und welche Offenlegungsregeln von Fördergebern und Verlagen gelten.
Tage von der Ausschreibung bis zum eingereichten Antrag: typisch fünf Wochen auf etwa zehn Arbeitstage. Eingereichte Anträge pro Jahr. Betreuungsgespräche mit schriftlichem Protokoll: von gelegentlich auf alle. Abbildungen, die sich mit einem Befehl reproduzieren lassen: alle. Und das Einzige, was wirklich zählt — Forschungsstunden pro Woche, die bei beiden Professuren von nahezu null auf acht bis zwölf gingen.
Wenn jemand einen Textgenerator für Aufsätze will — zweimal gefragt, als „ein erster Entwurf der Einleitung“ und „nur der Related-Work-Teil“. Der Related-Work-Teil ist genau dort, wo Sie zeigen, dass Sie das Feld gelesen haben. Ebenso, wenn ein Fachbereich Publikationskennzahlen pro Person will, was Überwachung im bibliometrischen Kostüm ist. Und wenn eine Promovierende eine Betreuung braucht statt eines Systems, was die traurigste Variante ist.
Zwei Wochen Extraktion für den Kern, einmalig. Neunzig Sekunden nach jedem Betreuungsgespräch. Und die Disziplin, die vierzig gefundenen Arbeiten zu lesen, was immer der Job war.
Sechzig Prozent jedes Antrags existierten bereits, in drei früheren Anträgen, in leicht falschem Format, und ich habe es jeden März neu getippt, weil Suchen schwerer schien. Zwei Wochen Extraktion, und seitdem habe ich diese Seiten nicht mehr aus dem Nichts geschrieben. Eine DFG-Einreichung, die fünf Wochen dauerte, dauert jetzt etwa zehn Arbeitstage, und fast alle gehen ins Arbeitsprogramm, den Teil, der gefördert wird. Er hat nichts eine Quellenangabe erzeugen lassen — Referenzen lösen über die DOI auf oder sie erscheinen nicht — und angesichts dessen, was ich bei Kolleginnen habe passieren sehen, ist diese Regel der Grund, warum ich ihn überhaupt herangelassen habe.
Jahr drei, neunhundert ungelesene PDFs, drei Kapitel, die nicht mehr zusammenpassten, und vierzig Minuten mit meinem Betreuer alle sechs Wochen. Die Sichtungsstrecke hat sechshundert Abstracts auf die vierzig gebracht, die ich wirklich lesen musste, und hat protokolliert, welches Kriterium jede Entscheidung erzeugt hat. Die Reproduzierbarkeit war an einem Nachmittag eingerichtet, und ich weiß jetzt, welche Skriptversion welche Abbildung gemacht hat — ein langweiliger Satz, der mich in meiner Verteidigung gerettet hat. Er hat mir außerdem freundlich gesagt, dass ich eigentlich eine Betreuung brauche, und er hatte recht.
Erzählen Sie mir, wie Ihre Woche aussieht.
Ich sage Ihnen ehrlich, welche Teile Sie abgeben können — und welche nicht.